Sonntag, 19. Juni 2016

Deutschlands beste Bibliotheken

Der Leiter der Hattinger Stadtbibliothek Bernd Jeucken über Herausforderungen einer Bibliothek


Mittelkürzungen bei gleichzeitig steigenden Anforderungen – laut Bericht zur Lage der Bibliotheken von 2011 sehen sich diesem Phänomen die Hälfte aller deutschen Bibliotheken ausgesetzt. Der Deutsche Bibliotheksverband fordert eine flächendeckende digitale Perspektive, zur Digitalisierung der Bestände müsse dringend finanziell aufgestockt werden, damit der freie Zugang zu Informationen in allen Medienformaten gelinge. Vor allem müsse die Informations- und Medienkompetenz sowie die Lesefähigkeit bildungsbenachteiligter Kinder und Jugendlicher gefördert werden.

Auch Bernd Jeucken schließt sich dieser Forderung an. Der Leiter der Stadtbibliothek Hattingen, der mit seinem Haus zu den Top-Bibliotheken des Landes zählt, sagt: „Wir haben als Bibliothek einen Bildungsauftrag und eine Verantwortung gegenüber Kindern und Jugendlichen, ihre Lesefähigkeit zu fördern. Die Frühförderung ist eine ganz wichtige Komponente unseres Bildungsauftrags.“

Foto: Sandra Anni Lang


Die Stadtbibliothek Hattingen gehört laut bundesweitem Bibliotheksrating BIX des Deutschen Bibliotheksverbands zu den besten Bibliotheken Deutschlands. Wie bei einem sportlichen Wettkampf treten beim Bibliotheksrating die Teilnehmer in vier Disziplinen mit ihren Leistungsdaten an: Dienstleistungsangebote, Nutzung, Effizienz und Entwicklungspotential wurden anhand von 17 Indikatoren verglichen. Jede Disziplin wird in drei Ergebnisgruppen aufgeteilt – in Schluss-, Mittel- oder Top-Gruppen mit goldgelber Auszeichnung.
 346 Stadt- und Hochschulbibliotheken haben sich 2011 der Herausforderung des Qualitätsvergleichs gestellt.

Jeder Hattinger besucht dreimal im Jahr die Stadtbibliothek
Die Stadtbibliothek Hattingen wurde in den Kategorien Nutzung, Effizienz und Entwicklungspotential mit „Gold“ ausgezeichnet. „Dreimal Gold heißt: Eine bessere Bibliothek in diesen drei Kategorien gibt es nicht“, freut sich Bernd Jeucken. „Wir haben uns in den letzten Jahren sehr verbessert und arbeiten mit einem größeren Medienbestand nun auch effizienter.“
Bereits zum fünften Mal stellt sich Bernd Jeucken freiwillig mit seinem Team dem Bibliotheksvergleich. In den vergangenen Jahren war die alte Bibliothek an Bredenscheider Straße nicht besonders konkurrenzfähig. Erst nach dem Umzug 2009 in das Einkaufszentrum Reschop Carré stimmten die Rahmenbedingungen wieder und 2011 hat das Team den bisher größten Erfolg erzielt. So punktete die Stadtbibliothek in ihren neuen Räumlichkeiten zum Beispiel in der Kategorie Nutzung: Die Besucherzahlen bewegen sich jährlich bei über 150.000 und bedeuten auf die Einwohnerzahl Hattingens umgerechnet, dass jeder Hattinger dreimal im Jahr die Bibliothek besucht.

Bernd Jeucken, Leiter der Stadtbibliothek Hattingen: „Der geistige Prozess entwickelt sich sich heute unabhängig von Papier und Buch.“ ©Sandra Anni Lang

Einsatz über das übliche Maß hinaus
„In der Stadt ist man stolz auf diese Leistung. Mit der Auszeichnung werden wir darin bestätigt, dass die Entscheidung, ins Reschop Carré umzuziehen, goldrichtig war. Die neue Bibliothek wird hier gut angenommen“, so Bernd Jeucken. Doch Bernd Jeucken gibt zugleich zu bedenken, dass das gute Abschneiden beim Ranking nur mit einem Team zu leisten ist, das sich über das übliche Maß engagiert. „Diese Leistung kann man nur als ein hochmotiviertes Team schaffen. Wir versuchen, diese Leistung natürlich zu halten, doch wir bewegen uns mit insgesamt 14 Mitarbeitern am Limit unserer Leistungsfähigkeit.“ So muss das Stadtbibliotheks-Team heute mehr bieten als Bücher – unter anderem unterschiedlichen Besuchergruppen und ihren Ansprüchen gerecht werden: von Kleinkindern über Jugendliche und Studenten bis hin zu Senioren und Familien. Daher findet sich in der Stadtbibliothek Hattingen eine Cafeteria, Lounge-Ecken für Kinder und Erwachsene, eine automatische Bücherrückgabe, WLAN – all das im gemütlichen, modernen Ambiente mit großen Fensterfronten und Ausblick über die Stadt.


„Wir als Stadtbibliothek können uns keine konservative Position zum Internet leisten.“
„In Zukunft spielt die Aufenthaltsqualität für Besucher eine immer größere Rolle. Eine Bibliothek muss sich selbstverständlich neben der klassischen Ausleihe auch als Aufenthaltsort mit Lebensqualität profilieren“, so Bernd Jeucken. „Gerade im Hinblick darauf, dass klassische Printmedien rückläufig sind, Menschen immer weniger Bücher und stattdessen E-Books nutzen, müssen wir in die Zukunft schauen. Denn dieser Trend wird sich verstärken. Bücher werden zwar noch in 20 Jahren gelesen, aber sie werden nicht mehr der Informationsträger schlechthin sein. Wir als Stadtbibliothek können uns keine konservative Position zum Internet leisten. Das wäre reine Nostalgie. Da stecken alle Bibliotheken in der gleichen Misere.“

Foto: Sandra Anni Lang


Bibliotheken geben Orientierung im Informationsdschungel
Bernd Jeucken dreht an mehreren Stellschrauben, um die Aufenthaltsqualität in seinem Haus zu erhöhen: So soll die Veranstaltungsarbeit weiter professionalisiert werden und die Bibliothek als Informations- und Wissenschaftsstandort etabliert werden, als pädagogische Anstalt, die im Informationsdschungel Orientierung gibt. „Wir rücken unsere medienpädagogische Arbeit in den Fokus. Das wichtigste Stichwort ist hierbei Frühförderung – die Förderung in der frühkindlichen Phase. Wir übernehmen als Bibliothek hinsichtlich der Lesefähigkeit von Kindern eine große Verantwortung.“ Bernd Jeucken stellt sich zudem das Zusammenwachsen von Stadtbibliothek und örtlicher Volkshochschule vor, um gemeinsam qualitätvolle Kulturarbeit in der Erwachsenenbildung zu leisten.

„Auch mit dem Thema virtuelle Bibliothek müssen wir uns auseinandersetzen. Wie gehen wir mit dem Thema virtuelle Bibliotheken um? Fest steht, dieser Prozess ist nicht mehr reversibel und der geistige Prozess entwickelt sich sich heute unabhängig von Papier und Buch. Aber die Konsequenz kann nicht lauten, dass wir als Bibliothek noch mehr Harry Potter-Bücher und Titanic-DVDs ins Programm nehmen und uns als bloße Entleihstation etablieren.“

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