Dienstag, 1. November 2011

"Ich bin der Punkrocker unter den Heimorgelspielern."

Mambo Kurt. Foto: © Martin Steffen
King of Heimorgel, Orgelgott, Alleinunterhalter – Mambo Kurt trägt viele Namen. Doch der liebste ist ihm „Entertainer“. Der 44-jährige Bochumer ist bekannt für seine Orgelinterpretationen von Schlager bis Thrash Metal, von Scooter bis Sex Pistols. Momentan sorgt er für die musikalische Untermalung in der Fernsehsendung swr3 latenight und spielt seit 2004 beim Heavy-Metal-Festival Wacken Open Air. Bevor Rainer Limpinsel sich in Mambo Kurt verwandelte, studierte er an der Ruhr-Universität Bochum Medizin und arbeitete anschließend anderthalb Jahre lang als Chirurg. Sein Debüt als Mambo Kurt feierte er 1999 mit dem Album „Return Of Alleinunterhalter“.

Ist es ein weiter Weg vom Chirurgen zum Künstler?
Mambo Kurt: Das war einfach: Ich war immer schon Hobbymusiker, jetzt bin ich eben Berufsmusiker. Das Leben ist kurz. Und ich bin kein Planungsfanatiker. Als ich 1999 eine Anfrage von RTL erhielt, für die Fernsehsendung „Veronas Welt“ für die musikalische Untermalung zu sorgen, habe ich das einfach gemacht. Ein Jahr lang.
Das gibt es außerdem nicht selten, dass Mediziner als Künstler arbeiten. Ich bin einer von vielen. Als Arzt würde ich jedenfalls immer unter kommen. Die werden ja bundesweit gesucht.

Was zeichnet Mambo Kurt aus?
Weshalb ich auch auf Metalfestivals so gut funktioniere, liegt daran, dass ich fernab aller Strömungen arbeite. Und so funktioniert auch etwa ein Scooter-Song beim Wacken Open Air. Die Leute formen eine Polonäse und dancen ab.
Außerdem schwimmen wir gerade auf einer Retro-Welle und gerade die jungen Leute finden das eigentlich gar nicht lustig was ich mache, sondern nehmen das ernst. So kommen dann 18-Jährige zu mir und wollen Orgelunterricht nehmen. Da bin ich stolz drauf.



Wie ist dein Name Mambo Kurt entstanden?
Reiner Zufall: Auf der Bühne habe ich aus meinem Album „The Return of Alleinunterhalter“ das Lied „Come as you are“ von Nirvana gespielt. In der Musikart Mambo. Und der Vorname des Sängers von Nirvana ist eben Kurt. So ist Mambo Kurt entstanden. Der Name ist so bekloppt, dass ich zuerst mit dem Namen gehadert habe. Heute muss ich sagen: Es ist ein einzigartiger Name, ein griffiger, einer, den sich jeder merken kann und der auch international problemlos funktioniert. Mittlerweile trage ich ihn gern. Er ist mein Alleinstellungsmerkmal.

Welcher Berufstitel passt am besten zu deiner Arbeit?
Entertainer. Das ist mir am liebsten. Danach kommt der Titel „Lustiger Musikant“.

Welche Musik hörst du?
Ich höre gar nichts. Seit 1986 höre ich keine Musik mehr. Denn seitdem habe ich keine Stereoanlage mehr. Ich fahre auch ohne Radio Auto.
Lieder für meine Shows höre ich dann auf den Parties, auf denen ich auftrete. Dadurch bekomme ich viele Anregungen. Es gibt Zeiten, die zeichnen sich auf Parties durch immerwährenden gleichen Songs und Bands aus. Früher war das zum Beispiel immer wieder Héroes del Silencio und aus der jüngsten Zeit immer wieder Songs von Kings of Leon.

Deine erste Platte?
Meine erste Platte war Maid of Orleans von Orchestral Manoeuvres in the Dark. Das war 1982.

Wer sind deine Lieblingsmusiker?
Ich mag Rammstein, Sepultura oder auch Depeche Mode. Ich mag eigentlich alles – von Elektro über Metal bis Klassik. Ich bin crossover. Ich habe da kein Schubladendenken. Zum Beispiel mag ich auch die Kastelruther Spatzen. Das ist ein richtig geiler Sound. Ich stelle mir vor, wie es wäre mit den Kastelruther Spatzen, Slayer, Scooter und Bob Marley zugleich auf der Bühne zu stehen – wenn letzterer noch leben würde.


Das Arbeitsgerät eines Alleinunterhalters: die Heimorgel
Das Arbeitsgerät eines Alleinunterhalters: die Heimorgel (c) Joachim Schwingel


Wie kam die Orgel zu dir?
Mein Vater hat sich 1975 eine Orgel gekauft. Ich fand den Sound einfach geil. Ich habe dann in einer Hagener Orgelschule das Orgelspielen gelernt. Ich habe aber immer schon Vollgas gespielt. Mit so einem Punkrock-Anschlag. Ich bin der Punkrocker unter den Heimorgelspielern.

Welche Höhepunkte hast du als Mambo Kurt erlebt?
Das Budapester Sziget war ein Erlebnis: Dort habe ich von 1999 bis 2003 jedes Jahr vor 40.000 Leuten gespielt. Das war sehr schön. Einmal habe vor Iggy Pop gespielt und habe sogar beim Pinkeln neben ihm gestanden. Ein Erlebnis war auch das Rock am Ring-Festival. Aber auch die kleinen Ereignisse sind lustig: Bei einem Fußball-Fantreffen habe ich ohne Bühne gespielt, vor 150 Leuten auf einem Parkplatz. Die Leute haben Stagediving auf dem Boden gemacht. Verrückt. In Norwegen hat mir mal eine Frau ihren Ehering auf die Orgel gelegt. Den habe ich eine Zeit lang als Kettenanhänger getragen.
In Fernsehsendungen aufzutreten, ist auch schön. Oder im Theater. Ich suche mir immer neue Herausforderungen. Eigentlich ist alles toll, was ich das erste Mal tue. Jedenfalls bin ich kein Nine-to-five-Typ.

Welche Schattenseiten hat der Beruf des Alleinunterhalters?
Wenn Otto Normal in den Partymodus switcht, arbeite ich. Das ist für mich jedes Wochenende der normale Wahnsinn. Auch: Ich bin Außendienstler. Jeder Künstler ist Außendienstleister und muss regelmäßig von A nach B fahren. Bei mir geht eben immer die Orgel mit. Die muss transportiert werden. Das ist ein Nachteil. Aber ich reise gern. Schattenseiten? Nein. Mein Job hat keine Schattenseiten. Ich habe ein schönes Leben.

Hast du Vorbilder?
Ich mag die alten Heroes der Heimorgelwelle. Franz Lambert etwa. Ansonsten bin berühmt dafür, einen Scheißdreck auf andere Leute zu geben. Nein, ich habe keine Vorbilder.

Was planst du für die Zukunft?
Ich würde gern mal einen Orgelpart bei Rammstein spielen.
Aber ganz konkret baue ich momentan eine Orgel aus Karbon. Die muss für einen Flug unter 32 Kilo schwer sein. Damit will ich nach Japan fliegen und vor meinem Fanclub in Tokio spielen. Der hat aktuell 15 Mitglieder. Leider kann ich momentan mit meiner Orgel nicht einfach in ein Flugzeug steigen. Das wäre unbezahlbar.
Ansonsten ist kein Ende in Sicht. Was die Stones können, kann ich schon lange.

Freitag, 26. August 2011

Wandler zwischen den Welten

Das Herz berühren. Das soll sie. Nachfühlend und mitreißend sein. Eine emotionale Achterbahnfahrt soll sie sein – die Technologie, die aus einem Computerspiel ein prägende Erfahrung macht und Spielerherzen höher schlagen lässt. Begleiter auf dieser emotionalen Reise: Kai Rosenkranz. Sein Werkzeug: Articy.

„Wenn der Spieler sein Gamepad hinlegt, soll er das Kino-Gefühl spüren. Ein Gefühl, das etwas zurückbleibt“, sagt Kai Rosenkranz, Technologie-Entwickler und Mitgründer der Bochumer Entwickler-Schmiede Nevigo. Gemeinsam mit zehn Film- und Spielexperten will der 29-Jährige internationales Parkett auf professionellem Niveau betreten. „Unsere Technologie könnte den nächsten Star Wars-Film als Computerspiel umsetzen“, sagt der Bochumer selbstbewusst.

In der Gamerwelt wird gründlich aufgeräumt

Kai Rosenkranz legt mit Articy – abgeleitet aus den Buchstaben R.T.C. für real-time compositing – die Werkzeuge für eine neue Spielentwicklung zurecht. In der Gamerwelt soll gründlich aufgeräumt werden, eine filmähnliche Bildsprache und Dramaturgie eingebettet und zum Beispiel echte Schauspieler integriert werden. Mit Articy soll Kinoästhetik ihren Platz in der Welt des Computerspiels finden. In den sogenannten Cinematic Games kommen die Methoden der Games- und der Film-Branche zugleich zum Tragen. „Wir bringen beide Welten zusammen und schlagen eine cross-mediale Brücke. Wir lösen Kommunikationsprobleme, indem wir eine gemeinsame Sprache finden, und verbessern so Arbeitsabläufe.“

Hochachtung für Gothic


Die Genres übergreifend arbeiten – das kann Kai Rosenkranz. 1989 programmierte er mit der Computersprache Basic auf seinem Commodore 64. Er spielt Klavier und Gitarre. Er schreibt Orchesterpartituren. Er hat Psychologie und Medien-Informatik studiert.
Doch dass er in der Spielewelt sein Zuhause findet, das wusste er schon immer. 1997 landete er in der heutigen Essener Videospielefirma Piranha Bytes als Musik- und Sound-Designer einen Punktsieg und erntete bei den Fans Hochachtung – für die Vertonung der mit Preisen ausgezeichneten Spieleserie Gothic und für das Spiel Risen. „Wenn sich ein Charakter im Spiel bewegt, eine Angriffs- oder Dialog-Gestik macht, dann habe ich das passende Geräusch dazu entwickelt und Partituren zu einem Setting entwickelt“, erklärt Kai. „Diese Orchesterkompositionen sind anschließend von den Bochumer Symphonikern eingespielt worden.“



 
Von Bochum aus in die internationale Spielewelt

Heute, sagt er, sei er bei Nevigo eher der Ideengeber, zuständig für Business Development und Marketing, der sogenannte Vison Keeper. Einer, der Ideen verteidigt – gegen finanzielle oder technische Einwände und einer der sagt, welche Eigenschaften ein neues Produkt haben muss. „Ich selbst kann in der Programmierung nicht mehr mithalten. Das ist zu weit fortgeschritten.“ In der Programmierung kann er sich dafür auf erfahrene Gamesspezialisten verlassen. Mit momentan zehn, sollen für Nevigo bald insgesamt 22 Experten arbeiten. Denn schließlich soll Articy an internationale Spielestudios verkauft werden. Die sollen sich bald ebenso begeistert zeigen, wie der Bochumer selbst: „Die Spielebranche ist zu sehr mit technologischen Tricks beschäftigt. Dabei sollten wir uns gegenüber den psychologischen Tricks der Filmbranche öffnen. Denn in ihnen kommt eine Riesen-Palette zum Tragen: Dialoge, Charaktere, Konflikte, Farbästhetik, Kamera, Sound. Wir sollten mit diesen Techniken spielen: dramatische Blickwinkel einnehmen, mit Licht spielen, inszenieren. Den Spieler in eine Situation hineinversetzen, die sich so anfühlt, als sei er im Mittelpunkt eines Hollywood-Films. Aber wir wollen nicht einfach die Kameraästhetik des Kinos adaptieren. Denn wir Spielentwickler haben unsere eigenen Maßstäbe.“

Avatar, Batman: Arkham Asylum, Beyond Good & Evil

Das dass Zusammenspiel von Kinofilm und Computerspiel oft nicht gut harmoniere, zeige Avatar: Das Spiel. „Eigentlich“, sagt Kai Rosenkranz, „geht es häufiger schief, als gut. Dafür hat man ja auch den Begriff der Lizenzgurken erfunden.“ Meistens liege es daran, dass ein Spiel nicht schon im Vorhinein in den Produktions-Zeitplan eingebunden sei. „Es gibt dann im Spiel Fragmente aus einem Drehbuch, das später noch geändert wurde und gar nicht mehr aktuell ist. Und auch im Schneideraum selbst werden noch Charaktere komplett gestrichen, wenn sie die Geschichte nicht vorantreiben. Dennoch sind sie im Spiel schon fest verwurzelt. Spielestudios müssen schon in der Stoffentwicklungsphase einbezogen werden.“
Ein gutes Beispiel für ein Lizenzspiel sei Batman: Arkham Asylum, meint Kai Rosenkranz. „Eigentlich hätte man denken können: auch so eine Lizenzgurke. Aber für mich das beste Spiel des letzten Jahres. Der Druck war nicht so groß. Das Spiel musste nicht zeitgleich mit dem Film veröffentlicht werden. So kann es funktionieren: Man spannt das Zugpferd einer starken Marke und kombiniert es mit guter Qualität.“
Sein Lieblingsspiel aber lautet Beyond Good & Evil. „Eine Manga-Schönheit, die ein Comic-Schwein zum besten Freund hat. Das Spiel geht am Mainstream vorbei, aber es ist charmant, wie die französischen Filme eben auch. Da spielen subtile Untertöne eine größere Rolle. Ein Charakterporträt als Computerspiel. Supercool.“

Montag, 25. Juli 2011

Götz Kühnemund: Herr über die Bibel des Metal

Götz Kühnemund hat das letzte Wort. Denn er ist Herr über die Schriften der Bibel des Metal. Götz Kühnemund leitet die Redaktion der wichtigsten und ältesten europäischen Institution des Heavy Metal: das Magazin Rock Hard – das Magazin für den mündigen Rockfan.


Herr über die Bibel des Metal: Götz Kühnemund
Was in Dortmund produziert und monatlich von 250.000 Fans gelesen wird, entscheidet maßgeblich Götz Kühnemund. Und das seit mehr als 20 Jahren. Das Besondere daran, sagt der Chefredakteur: „Wir sind das einzige unabhängige Rockmagazin in Europa und im Kern immer noch ein Fanzine.“ Ein Fanzine von Fans für Fans. Damit begann der Siegeszug des Metal- und Hardrock-Magazins: mit kopierten Ausgaben in minimaler Auflage, zusammengestellt mit maximaler Leidenschaft. 1983 war das. „Wir waren 16 Jahre alt – und Fans. Mehr nicht. Dass unsere Leidenschaft für mehrere von uns zum Beruf und aus dem Fanzine eine Zeitschrift wurde, von der man leben kann, war nicht vorauszusehen.“ Es war die Leidenschaft zur Musik, die Götz Kühnemund aus der Lüdinghauser Provinz in Dortmund festhielt. „Mein Beruf ist eine Lebenseinstellung. Metal ist eine Lebenseinstellung.“ Die verkörpert Götz Kühnemund stilecht mit schwarzer Lederkleidung und Ohrringen, aber in einer angenehm umgänglichen, fast bescheidenen Weise. Dabei saß der 44-Jährige im Interview schon den schwersten Geschützen der Szene gegenüber: Motörhead, Iron Maiden, Judas Priest.

"Heavy Metal hat einen freigeistigen Anspruch"

„Metaller sind keine martialischen Machos, wie es das Klischee will,“ klärt er auf. „Wie überall gibt es Scheinheiligkeit, aber zum Großteil folgt die Szene einem freigeistigen Anspruch und behält sich ein rebellisches Potential. Heavy Metal ist eine authentische Bewegung mit authentischen und individuellen Typen.“

Dennoch ist Heavy Metal schon lange keine Randerscheinung mehr: Bands schwimmen im Mainstream statt in der Subkultur. Die australische Hardrockband AC/DC etwa hat bisher mehr als 200 Millionen Alben verkauft. Das Album Back in Black ist mit 42 Millionen Kopien das zweitbeste jemals verkaufte weltweit – nach Michael Jacksons Thriller. Es ist eben eine große, umfassende Szene, gibt Götz Kühnemund zu, die führe zu den Toten Hosen und Metallica, aber auch zu Subgenres wie Death-, Thrash- oder Progressive Metal. „Es gibt alle Formen und Vermischungen. Allen Richtungen aber gemein ist, dass sie aus gitarrenorientierter, handgemachter, ehrlicher Musik bestehen.“

"Wir sind unabhängig – das ist unser großes Plus"

Es ist auch langlebige, zeitlose Szene und eine, die sich nicht vereinnahmen lässt – wie sich auch am Rock Hard festmachen lässt. „Es gab einige Übernahmeangebote. Doch unsere größte Stärke war immer, dass wir unabhängig und uns selbst treu geblieben sind. Wir waren immer frei von einem Verleger, der meint, der Redaktion erzählen zu müssen, welche Bands und Themen im Heft zu platzieren sind. Und damit sind wir auch allen anderen europäischen Rockmagazinen voraus. Denn hinter all denen stehen Verlage, die natürlich Erwartungen haben. Diesen Interessenskonflikten waren wir nie ausgesetzt. Wir sind unabhängig. Das ist unser großes Plus.“




Auch in Bezug auf die inhaltliche Qualität, so ist Götz Kühnemund überzeugt, toppt Rock Hard die Musikzeitschrift Rolling Stone, dessen Autoren stets höchstes journalistisches Niveau bescheinigt wird. „Wir sind hochwertiger. Wir haben die besten Schreiber: Michael Rensen oder Boris Kaiser zum Beispiel. Die sind einzigartig.“

Seit 2003 veranstaltet Rock Hard das gleichnamige Festival im Amphitheater Gelsenkirchen, das sich mittlerweile in der Szene einen Namen gemacht hat. Der Ort ist nicht zufällig gewählt, schließlich stammen Bands wie Kreator, Sodom, Rage oder Grave Digger wie auch Rock Hard aus dem Revier.

"Im Ruhrgebiet gibt's eine starke Metal-Szene"

Der Szene im Ruhrgebiet misst Götz Kühnemund daher auch eine große Bedeutung bei: „Im Ruhrpott gibt’s eine starke Metal-Szene. Die gab es immer schon. Ähnlich wie in Hamburg oder im Stuttgarter Raum. Aber hier ist ein Ballungszentrum. Jede Ruhrgebietsstadt hat ihre Treffpunkte, Konzertlocations, Rockdiscos, wie das turock und die Zeche Carl in Essen, die Zeche und die Matrix in Bochum, das FZW und die Rockkneipe Die Burg in Dortmund.“


 


Aber speziell Dortmund bietet neben seiner Metal-Szene eine weitere ausnehmende Besonderheit: Visions, das Magazin für alternative Musik. „Das ist etwas ganz Besonderes: Die zwei wichtigsten Musikmagazine der deutschen Medienlandschaft, zudem unabhängig, stammen aus Dortmund.“

Auch wenn die Musikwirtschaft im Ruhrgebiet einer der kommerziell erfolgreichsten Zweige des hiesigen Kulturbetriebs ist und eine große Rolle spielt, findet die Rockmusik in der Kulturhauptstadt keinen Platz. „Rein kommerziell betrachtet“, fragt Götz Kühnemund rhetorisch, „wo kommen denn 100.000 Leute zusammen, wenn nicht bei einem Rockkonzert? Im Theater wohl kaum. Aber die Tickets werden dennoch nicht subventioniert wie beim Theater. Ebenso wenig Proberäume im Gegensatz zum einem Konzerthaus Dortmund. Die Rockmusik wurde noch nie gefördert. Aber das macht sie autark: Wenn du von niemandem Gelder kriegst, schuldest du auch niemandem was. Vor allem keine Rechenschaft.“

Dienstag, 17. Mai 2011

"Berufliche Niederlagen? - Andauernd!" Jamiri im Interview

Er trinkt seine Weißweinschorle am Tresen seiner Essener Lieblingskneipe, raucht eine Zigarette, philosophiert über das Alltägliche und setzt seiner Frau Beate ein Denkmal. Der Essener Jan-Michael Richter, kurz Jamiri, Autor und Zeichner, ist einer der beliebtesten Comiczeichner Deutschlands. Er zeichnet Comics für Zeitschriften wie Unicum oder Spiegel online und veröffentlicht Comic-Alben.



Sind Comics Kunst?
Jamiri: Ja. Und zwar ausgewiesermaßen die neunte. Die neunte Kunst.

Wer oder was inspiriert dich zu deiner Arbeit?

Die Ambition, etwas zu erzählen. Mit den Mitteln, über die ich am ehesten verfüge.

Sind deine Geschichten autobiografisch?

Ist das eine Scherzfrage?

Du bist ein sehr bekannter Zeichner. Warum hast du mit deiner Arbeit Bekanntheit erlangt, andere nicht?

Ich hatte das Glück, Plattformen mit hoher Verbreitung zu haben. Aber vielleicht war das nicht nur Glück, sondern auch ein bisschen Tüchtigkeit, denn die Plattformen kamen zu mir, nicht umgekehrt. Ich weiß es nicht. Jedenfalls kann ich rückblickend nicht beurteilen, wie das Verhältnis zwischen Glück und Tüchtigkeit beschaffen war. Es gibt in der Tat einige unbekannte Zeichner, deren schiere Qualität ihnen zu großer Bekanntheit hätte verhelfen sollen. Ich kann am Ende nicht sagen, wie dieses Spiel eigentlich funktioniert.

Welches ist das größte Kompliment, das man dir für deine Arbeit machen kann? Und womit wertet man sie ab?

Wenn jemand lachen muss oder nachdenklich wird, ist das prima. Ärgerlich wird´s, wenn Rezensenten rezensieren, die sich nicht mal die Mühe der eingehenden Lektüre gemacht haben und beispielweise dann resümieren: „Jamiri. Das ist Philosophie auf Thekenniveau.“
Und wenn jemand sagt „schön gemalt“, weiß ich, dass die Pointe nicht gezündet hat. Das wohl größte Kompliment für meine Arbeit wäre, wenn es allgemein gelänge, Comics auch als Literatur zu betrachten.



Hast du berufliche Niederlagen erlebt?

Andauernd. Es ist immer die gleiche Niederlage. Eine Zeitschrift, für die ich arbeite und die mich gut bezahlt, wird eingestellt. Ich kann sie nicht mehr zählen.

Was war dein größtes berufliches Erfolgserlebnis?

Mein größtes Erfolgserlebnis habe ich immer dann, wenn ich mir sicher bin, dass meine letzte Arbeit die vielleicht bisher beste war. Da geht nichts drüber. Applaus oder Erfolg herkömmlicher Art sind zwar schön. Aber ich neige nicht dazu, die Einschätzung (auch vieler) anderer als Verifikation zu betrachten.

Ist dein Beruf ein Traumjob?

Wenn es gut läuft, ist es zumindest meiner. Und hier von „Beruf“ oder „Job“ zu reden ist auch etwas heikel. Nach allgemeinem Verständnis geht man ja zur Arbeit und hat danach Feierabend. Das ist bei mir anders. Ich kann bis heute nicht sagen, ob ich eher die ganze Zeit durcharbeite oder eigentlich immer frei habe. Das ist zermürbend.

Kannst du von deinen Comics gut leben?
Ich lebe seit über 20 Jahren davon. Gut? Was ist gut? Ich fahre keinen Maserati (was aber viele glauben.) Mein Kühlschrank ist voll, aber von „ausgesorgt“ kann keine Rede sein. Sagen wir einfach, ich komme zurecht.

Wer sind deine Hauptkunden?

Zeitschriften, Internetportale, Verlage, Werbeagenturen, Museen, Galerien, Plattenlabels usw. Ich bin ein sagenhaft guter Illustrator. Aber ich bin auch ein Autor, der es sich in den Kopf gesetzt hat, weitestgehend nur von seinem Autorenkram leben zu wollen. Das klingt beinah pathetisch, ist aber die Wahrheit, und hat im übrigen dazu geführt, dass ich nicht Maserati fahre.

Kannst du es dir erlauben, Projekte abzulehnen?

Es gibt lange Phasen, in denen es mir dankenswerterweise möglich war, Jobs, die ich nicht machen wollte, auch nicht machen zu müssen. Ich sage zu reinem Geldverdienen immer „Büffeljagen“, weil es sich letztlich nicht groß davon unterscheidet. Aber manchmal muss ich auch Büffel jagen. Leider. Das sind dann so Sachen wie Katzenfutter oder Waschmittelkartons malen.

Welche Comiczeichner imponieren dir?

Jamiri: Richard Corben, Don Lawrence, Gary Larson, Bill Watterson. Die bilden eine merkwüdige Sinngruppe. Deshalb.



Lebst du gern in Essen?

Ich ging nach Essen wegen eines Mädchens und ich blieb wegen eines anderen Mädchens. An Essen schätze ich, dass hier mehr Menschen sind als in Hattingen, wo ich leider aufwachsen musste. Ich wäre lieber in einer größeren Stadt. Aber ich bin, wie es aussieht, existenziell auf Betreuung durch eine schöne Frau angewiesen, in die ich auch verliebt sein muss. Insofern lebe ich sehr gern in Essen.

Welche Ziele willst du erreichen?

 Habe ich schon. Das ist zermürbend.



Du hast das Cover zum Kassierer-Album „Männer, Bomben, Satelliten“ gemalt. Was schätzt du an den Kassierern?


Zuallererst schätze ich die Jungs. Es dürfte schwer sein, solche Artigkeit, Höflichkeit, Freundlichkeit und formvollendete Manieren überhaupt bei irgendwem vorzufinden. Das weiß man nur, wenn man sie privat kennenlernt. Die Musik schätze ich insbesondere, weil es mir so peinlich ist, erst die Eselsbrücke einer persönlichen Bekanntschaft benötigt zu haben, um das Format des künstlerischen Entwurfs zu begreifen.


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Montag, 4. April 2011

Wo Kino am größten ist

Blätternder Lack, rostiges Wellblech, wetterfestes Plastikmobiliar – der glamouröse Charme verbleicht. Seit drei Jahrzehnten. Seit Video, Fernsehen und Sommerzeit. Seitdem ist das Autokino eine vom Aussterben bedrohte Rasse, der Niedergang programmiert. Doch das Autokino überlebt – Multiplex-Palästen und Home Entertainment zum Trotz.

Im Niemandsland zwischen Essen-Bergeborbeck und Bottrop, zwischen Industriegebiet, Georg-Melches-Stadion und Emscher steht seit 1970 das Autokino Drive In. 540 Quadratmeter misst die Leinwand und mehr als 1.000 Fahrzeuge passen auf den Parkplatz. „Zuerst mit der Verbreitung des Fernsehens und dann mit der Beliebtheit von Heimvideos nahmen die Besucherzahlen in den 1970er-Jahren konsequent ab“, sagt Betreiber Walter H. Jann. „Schließlich hat es uns die Einführung der Sommerzeit 1977 schwer gemacht zu überleben.“
Fünf deutsche Autokinos in den Ballungsräumen München, Stuttgart, Frankfurt, Köln und Essen laufen unter der Regie des Geschäftsführers der Starnberger Der Wert J – Werteverwaltungsgesellschaft. Dabei waren es mal knapp 30 – in den siebziger Jahren als sich vermehrt Sex-Filmchen ihren Weg in die Autokinos bahnten – in Mitternachtsvorstellungen. Die Betreiber versuchten den Verfall dadurch wirtschaftlich abzufedern, was das Autokino aber schnell in die Schmuddelecke trieb und den Niedergang noch beschleunigte.
Die Kinos zu unterhalten wäre heute nicht möglich, wenn nicht Auto- und Trödelmärkte eine Zweitverwertung zulassen würden, etwa mit dem größten freien Gebrauchtwagenmarkt Deutschlands. Schon seit über 30 Jahren stehen zwischen sechs und 17 Uhr in Essen-Bergeborbeck jeden Samstag bis zu 1.500 Gebrauchtwagen zum Verkauf. „Das hält uns am Leben“, sagt Walter H. Jann. „Das ist eine Symbiose, die wir eingehen müssen. Denn so eine Riesenfläche von 50.000 Quadratmetern muss erstmal unterhalten werden. Wenn die Nebenveranstaltungen funktionieren, funktioniert der Betrieb der Kinos auch zukünftig.“
Doch die wirklichen Fans kommen ausreichend. 25.000 bis 30.000 im Jahr. Eine feste Anhängerschaft aus 50er-Jahre-Nostalgikern, Autofreaks und Moviefans, die dem Kino die Treue halten – in Sonderveranstaltungen, etwa mit The Fast and the Furious-Fantreffen oder Drive in Movie Nights. „Wir sind eben Kult“, sagt Walter H. Jann. „Das schafft kein Multiplex.“

Mittwoch, 23. März 2011

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Sie hat Cleopatra überstanden - einen der teuersten Cine-Flops aus dem Jahre 1963, acht Ehen durchlebt, 50 Filme zuwege gebracht. Im Andenken an die heute mit 79 Jahren verstorbene Elisabeth Taylor hier ein Trailer (oder was man damals darunter verstand) zu dem in jeglicher Hinsicht ergreifenden Film Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, für den Liz Taylor 1967 ihren zweiten Oscar erhielt.

Dienstag, 22. März 2011

Avant la bagarre

Wieder entdeckt: eine zuckersüße France Gall 1968. Dieses Mal nicht wie 1988 mit "Ella, Ella", sondern mit zeitloser Kick-Boxing-Choreo, supportet by D. Jost I., dem Schlacksigen.